zwoelftausenddreihundertsiebenundzwanzig

Georg Trakls Werk ist geprägt von einer Farbsymbolik, und einer Unzahl an Metaphern, in denen Sinneswahrnehmungen miteinander verbunden werden, die eigentlich keine Gemeinsamkeiten besitzen. In seiner Lyrik gibt es keine Grenzen, sie ist konturlos, sein Farbenkosmos ist bestimmt durch die Farben Blau, Schwarz, Rot, Gelb, und Gold, eine Tatsache, die an den Maler Franz Marc und an die Farbenlehre Kandinskys erinnert.

Dennoch stellt man fest, dass sowohl Trakl als auch Kandinsky die ganze Breite der Farben benutzen, um eine emotionale Stimmung in ihren jeweiligen Kompositionen zu erzeugen.

Auch bei den expressionistischen Malern verselbständigt sich nach und nach die Farbe.

So wird Kandinsky von Hans-Peter Riese beschrieben als jemand ,,der die Farbe befreite, indem er sie von der Form praktisch zu isolieren versuchte, und ihr einen eigenen, ortsunabhängigen Stellenwert in der Malerei zuwies". Genau so ist es bei Trakl, wo die Farbe gegenüber dem Substantiv an Rang und Wert gewinnt und eine Eigendynamik entwickelt.

Die Farben werden abstrakt gebraucht, das Farbadjektiv löst sich regelrecht vom Substantiv und entwickelt seinen eigenen Wert. Durch die Farbmetaphern versucht der Dichter sein persönliches Stimmungsbild zu symbolisieren.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen dem Dichter und den Malern ist, dass sie die Farbe zwar entfremden, doch sie verliert nie gänzlich den Bezug zur Wirklichkeit.

Man könnte auch zu der Schlussfolgerung kommen, dass die Farben im Werk des Dichters als ,,Sammelbecken von Bedeutungen" fungieren. Die Farben werden sozusagen chiffriert und besitzen eine Mehrzahl von Bedeutungen.

So sind unterschiedliche Farben ein und demselben Gegenstand oder Gefühl zugeordnet. Allein der Tod wird durch mehrere Farben repräsentiert (Weiß, Rot und Grün).

Diese Mehrdeutung wird jedoch nur möglich, weil Trakl selbst den Farben keine eindeutige Bedeutung gegeben hat, sondern er sie nach Gefühl und Stimmung eingesetzt hat.

,,Mit der Farbmetaphorik hat Trakl sich und der Ausdruckskunst neue Provinzen erobert"(Karl Ludwig Schneider).

So wie Georg Trakl durch keine eindeutigen Zuordnungen chiffrierte und opake Interpretationsräume schafft, verschlüsselt auch Fritz Ganser, indem er Trakls Gedichtzyklus "Sebastian im Traum" (15 Gedichte) in seine Einzelbuchstaben zerlegt und diese ohne scheinbar erkennbaren Zusammenhang anordnet.

Gansers dreidimensionale Installation "zwoelftausenddreihundertsiebenundzwanzig" ist ein plastisch loses Buchstabengeflecht, bestehend aus der genauen Anzahl der jeweiligen im Text (Sebastian im Traum) vorhandenen Buchstaben [Gesamtbuchstaben 12.327, z.B. 2257 e, 714 a...], deren Einzelbestandteile auf den ersten Blick nicht mehr als loses Baumaterial der Sprache ist.

Er befreit die Buchstaben aus ihrer sprachlichen Form und zeigt sie als wertfreie ungebundene Schriftzeichen, die ihre inhaltliche Rolle allerdings nie zur Gänze verlieren, denn würden diese 12.327 plastischen Kunststoffbuchstaben in die ihnen von Trakl zugedachte Reihenfolge gebracht, von Trauer, Einsamkeit, Erlösungswünschen sowie der manifesten Hoffnungslosigkeit erzählen.

 

Fritz Ganser verwendet dazu die Farben Blau, Schwarz, Purpur, Grün, Gelb, Silber[Weiss], Rot und Braun, und zwar im genauen Verhältnis entsprechend ihrem farbigen Vorkommen im Trakl-Text.

So sind alle beschriebenen Bilder bzw. Bedeutungen Trakls vorhanden, allerdings im losen ungeordneten Verband weder sicht- noch lesbar.

Eine Neuanordnung der äußeren Erscheinungsform verändert die enthaltenen Worte nicht, ist jedoch eine Verweigerung der ewigen Wiederkehr des Gleichen, da bei 12.327 Einzelbuchstaben eine stets gleiche Anordnung de facto unmöglich wird.

Ein Werk, das sich mit der Zerlegung von Bildern in seine Einzelteile beschäftigt,

sowie der damit verbundenen Auflösung von Wertigkeiten, da ohne genaue Wortzuordnung

der 12.327 Buchstaben diese auch ihre Gewichtung von positiv und negativ verlieren.

Literaturverzeichnis: Laurent Klein; Der Farbenkreis bei Georg Trakl 2001/2002,

Killy Walther; Über Georg Trakl, Harenberg; Museum der Malerei; Harenberg Lexikon Verlag