marking [off]

 

Konstruktion einer Utopie

Im 22. Wiener Gemeindebezirk nimmt zur Zeit eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas Gestalt an. Auf dem Areal des ehemaligen Flughafens Aspern entsteht bis 2030 ein neues Stadtviertel, das 20.000 Menschen Arbeitsplätze bieten soll und mit 8500 geplanten Wohneinheiten auch ebenso vielen eine neue Heimstatt. Inmitten der still gelegten Betonpisten des alten Flugfeldes wurde ein mehrere Hektar großer  See ausgehoben, der das Herzstück des visionären Projekts darstellt und den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern Naherholungsgebiet sein wird. „aspern Die Seestadt Wiens“, das neue Viertel der Donaustadt, wird mit einer Fläche von rund 240 ha größer sein als so manch historisch gewachsener Bezirk der Bundeshauptstadt. Den Städteplanern, Architekten und Bauträgern bietet sich auf dem brach liegenden Gelände die einzigartige Möglichkeit eine Utopie Realität werden zu lassen: die Verwirklichung einer perfekten Stadt. Ein ökologisch-nachhaltiges, barrierefreies, infrastrukturell umfassend erschlossenes, auf alternativen Energien fußendes Stadtviertel, das Wohnen und Arbeiten, Stadt und Natur, Gesellschaft und Freizeit harmonisch miteinander verbindet. Doch welche Identität besitzt eine Utopie? Wie identifiziert man sich mit einem Nicht-Ort (Utopie von griech. ou-topos)?

Die künstliche Entwicklung und strategische Konstruktion eines neuen Stadtteils wirft zwangsweise die Frage nach der Identität des bebauten Niemandslandes auf. Personen entwickeln ihre Identität aus ihrer Herkunft, ihrer Sprache und ihrer Zugehörigkeit und damit aus einem Wechselspiel von „Dazugehören“ und „Abgrenzen“. Urbane Identität generiert sich nicht nur aus sozialen und kulturellen Faktoren, sondern auch aus städtebaulichen Merkmalen. „Identity is the extent to which a person can recognize or recall a place as being distinct from other places - as having a vivid, or unique, or at least a particular, character of its own.“[1] Es geht um die Konstruktion eines individuellen mentalen Stadtbildes, durch das im Wesentlichen die Identifikation mit einem Stadtort bewirkt werden kann. Entscheidend für dieses Bild der Stadt ist die Prägnanz und Wiedererkennbarkeit bestimmter Merkmale: Wege, Grenzlinien, Brennpunkte und Merkzeichen. Dieses „Rohmaterial“ urbaner Identität ist zumeist historisch gewachsen und fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Und aus diesem kollektiven Gedächtnis speist sich sowohl die Identifikation mit einem Ort als auch ein spezifisches Gemeinschaftsgefühl, das durch die Parameter von Inklusion und Exklusion determiniert wird.

 

Annexion einer Vision

Doch wie generiert man identitätsstiftende Merkmale? Woran machen wir unsere Identität wirklich fest? Wodurch entsteht Heimat? Wie konstruiert man eine „kommende Gemeinschaft“? Es sind Fragen wie diese, die Fritz Ganser mit seinem Projekt „marking [off]“ adressiert und evoziert. „aspern Die Seestadt Wiens" hat es sich zum Programm gemacht, mit Kunst- und Kulturprojekten ihre Genese zu reflektieren und die eigene Zukunft zur Diskussion zu stellen. Fritz Ganser hat 105 Flaggen vorgeschlagen, die das Areal sinnbildlich in Besitz nehmen sollen. Dabei handelt es sich nicht hundertfünfmal um die gleiche Fahne, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern um 105 verschiedene.

Wien gliedert sich in 23 Gemeindebezirke, die seit 1850 durch sukzessive Eingemeindungen von Vororten und Vorstädten entstanden sind. Insgesamt setzt sich die Bundeshauptstadt aus 105 Dörfern zusammen. Ganser hisst für jedes dieser Dörfer eine eigene Flagge, die mit dem ursprünglichen Gemeindewappen versehen ist. Jeder Bezirk besitzt ein eigenes Wappen, in dem die ursprünglich autonomen Gebiete durch ihr eigenes Hoheitszeichen repräsentiert sind. Zum Beispiel hat sich der 8. Bezirk aus den Vororten Josefstadt, Altlerchenfeld, Alsergrund, Breitenfeld und Strozzigrund gebildet, die im Wappen noch immer durch ihr Symbol präsent sind. Teilweise finden sich in den Wappen der eingemeindeten Vorstädte weitere Elemente von noch kleineren Strukturen wie zum Beispiel bei Spittelberg: die Taube und der Reichsapfel entstammen dem Siegel des Bürgerspitals, von dem sich der Name "Spitalberg" herleitet.

 

Obwohl die Ortsgrenzen vor über 100 Jahren aufgehoben wurden, identifizieren sich noch immer viele Wiener mit diesen kleinen Dorfstrukturen. Bis heute bestehen in einigen Teilen der Stadt baulich sowie mental abgegrenzte Viertel bzw. Quartiere, die in Wien ortsüblich Grätzel genannt werden. Man lebt die imaginären Grenzen.

 

Dekonstruktion der Gemeinschaft

Die Flagge bzw. der Banner fungieren bereits seit der Antike als Symbol der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Gemeinschaft. Sie dienen nicht nur der visuellen Übertragung von Informationen oder Übermittlung von Nachrichten, sondern sie sind wie Wappen, Hymnen, Uniformen oder Geld vor allem sichtbare Zeichen der Identität. Die Nationalismustheorie der 1980er-Jahre hat gezeigt, dass es so etwas wie „natürliche Gemeinschaften“ als Einheit von Menschen selber Herkunft, Sprache, Religion etc, nicht gibt. Nationen wie alle Gemeinschaften, die aufgrund ihrer Größe eine persönliche Bekanntschaft aller Personen untereinander nicht mehr möglich machen, sind erfunden bzw. vorgestellt. Seither werden sie als imaginierte Gemeinschaften („imagined communities“, Benedict Anderson) betrachtet, deren vermeintliche Einheit und gemeinsame Geschichte konstruiert wurde („invention of tradition“, Eric Hobsbawm). Wesentliches Element dieser Konstruktion von Gemeinschaft sind Symbole wie die Flagge, da sie großes identifikatorisches Potenzial besitzt.

„marking [off]“ ist ein Sichtbarmachen bzw. Aufbrechen von territorialen Strukturen, ein Auflösen von imaginierten Grenzen, indem zwar 105 Wiener Bezirksteile durch ihre Flagge und ihr kommunales Hoheitssymbol repräsentiert werden und, gleich einer Gebietsmarkierung, für sich alleine stehen, in ihrer Gesamtheit jedoch an Bedeutung verlieren und sich gegenseitig nivellieren. „marking off“ bezeichnet im Englischen sowohl das Abgrenzen wie auch das Durchstreichen oder Abhaken. Durch die einzelne Flagge grenzt sich jeder Bezirksteil vom anderen ab, doch durch die Juxtaposition aller 105 Repräsentationszeichen wird man sich der Geschichte Wiens bewusst und kann die einstige Zersplitterung als historisch erledigt abhaken. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

 

Vivisektion der Heimat

Die Wappen selbst werden durch Buchstaben und Worte konstituiert, da ein durchlaufender Text die 105 Flaggen miteinander verklammert und mit einer weiteren Bedeutung auflädt: es handelt sich dabei um Gert Jonkes Debütwerk „Geometrischer Heimatroman“. Das Buch stellt eine Zertrümmerung des Heimatbildes dar, das eine scheinbar stimmige Welt an die Stelle der unübersichtlichen komplexen Wirklichkeit rückt. Die Protagonisten des Stücks sind nicht weiter charakterisiert, denn es steht im Unterschied zu konventionellen Romangestaltungen nicht ihre Einzigartigkeit im Vordergrund, sondern ihr Blick. Realität ist wie Identität ein Konstrukt aus vielen verschiedenen subjektiven Meinungen und Wahrnehmungen. Jonke macht diese vorgegebenen Muster sichtbar, indem er bestimmten Reizworten, Sätze folgen lässt, die wie ein Reflex wirken. Er schildert eine Situation und vermerkt im Absatz darauf, dass es auch ganz anders sein könnte. Jonke macht offensichtlich, dass die Wirklichkeit und damit auch die reale Heimat eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die auf Sprache basiert. Dieser dekonstruktivistische Heimatroman läuft als verbindendes Element durch alle Flaggen. Das ursprüngliche Motiv erscheint dadurch zunehmend skizzenhaft, und obwohl die einzelnen regionalen Identitäten noch als solche wahrnehmbar sind, verlieren sie an Dominanz und lösen sich in den Buchstaben auf. Die identitätsstiftenden Symbole für Gemeinschaft und Heimat lösen sich in einem Text über die Konstruktion dieser Wirklichkeit und der Unmöglichkeit von Heimat Wort für Wort auf. marking [off] ist eine sinnliche und zugleich komplexe Arbeit über die Konstruktion von Identität, das Wesen von Gemeinschaft und die Geschichte und Zukunft Wiens.

 

 

Roman Grabner, Universalmuseum Joanneum, 2013



[1] Kevin Lynch, A Theory of Good City Form. Cambridge/Massachusetts/London 1981, S. 131.