weit-blick [2011]

Einerseits wird zwar mit der Vielfalt und Schönheit unserer Landschaft geworben, um andererseits mittels Europas größter Dichte an Lärmschutzbauten die Sicht auf diese zu verstellen.

Mitten im Aussichtsland steht Fritz Gansers Wand: ein Bildausschnitt. Der Ausschnitt ist tatsächlich aus der Landschaft herausgeschnitten, er beschreibt die Landschaft, die er eigentlich verbirgt. Er beschreibt sie in Worten, die sich in ihrer Färbung zu einer Landschaft formieren, ein Prozess der mehrfachen tautologischen Inversion.

Der textliche Inhalt gibt dabei ein sehr genaues Abbild des Gesehenen als Situationsschilderung wieder... eine Vielzahl an Informationen birgt selbst ein so kleiner Ausschnitt ...

Die Wand in der Landschaft hat eine Größe von 20 x 3 m, das Textfeld mit dem Bildtext misst 18 m2 und besteht aus 7928 Zeichen.

Der Text, teils poetisch verklärend, teils nüchtern bilanzierend, zeichnet nicht nur deskriptiv das Inventar dieser Landschaft mit Bäumen, Häusern, Strassen nach, sondern erzählt auch von den Menschen, die hier leben, nennt sie teilweise bei Namen.

Die komplexe Beschreibung lässt vor dem geistigen Auge eine vielfältige Landschaft erstehen, wogegen das Landschaftsbild selbst, das sich als Pixelbild aus 7928 Zeichen ergibt und den Blick auf die dahinter liegende Landschaft verstellt, eher skizzenhaft abstrakt und in Form und Farbe reduziert ist.

Der letzte Satz im Textbild beschreibt nach dem mehrfach angewandten Prinzip „pars pro toto" die Wand selbst, die in ihrer schlichten Geometrie sowohl körperhaft als auch durchscheinend erscheint.

... Zuletzt noch Schloss Weinburg als weiße geometrische Kontur inmitten einer blaugrauen Umgebung, bevor auch die letzten Berge endgültig in Luft übergehen.

[Alexandra Riewe]

 

 

Text: weit-blick [Gamlitz, Kranachberg]

Auf der Pilchstraße ein weißer Lieferwagen, in seinem Inneren sind ganz klar übereinander gestapelte grüne Weinkisten zu erkennen.

Nur kurz verdeckt er einem die Sicht über den Maschendrahtzaun hinweg auf Müller Thurgau, Chardonnay und Weissburgunder.

Es ist ein warmer Herbsttag; vorne am Zaun steht ein Büschel von hohem Gras, daneben blühen noch weiße Taubnessel und Rainfarn, dahinter beginnt der Weinberg, dessen Laub sich langsam zu verfärben beginnt und zieht sich steil nach unten. Dort wo es wieder flacher wird eine vereinzelte Pappel, gleichsam als Vorbote, da gleich dahinter die Landschaft einen Graben bildet und der Wein in Wald übergeht. Fichten, Kiefern, Buchen und vor allem Kastanien und zwar die essbaren prägen hier das herbstliche Bild. Aus einer der Rebzeilen fliegen zwei riesige Krähen auf und verschwinden ganz plötzlich in einem der Bäume, welche rechts sich hochziehen am Trobikogel und nur eine kleine Lichtung freigeben für den Schollweingarten. Bevor sich der Wald wieder fortsetzt um am Horizont mit Slowenien und dem Blau des Himmels zu verschmelzen.

Vorne links vom Graben werfen mehrere Nussbäume ihren inzwischen dürftigen Schatten, da sie fast kein Laub mehr in ihren mächtigen Kronen tragen; so treiben sie eben blattlos einen Keil zwischen die Weinberge. Gleich dahinter liegt der Koglweingarten, in dem vier Personen und für Ortsansässige eindeutig als Konrad Pilch mit Eltern sowie der Nachbarin Frau Göttner zu erkennen, davon die Männer in Blau gekleidet, Trauben in Plastikkisten ernten.

Einer dieser kleinen für steile Weinberge gebauten rot lackierten Traktoren ist ebenfalls ganz deutlich zu erkennen, und wer sich auskennt und Wein beim Namen nennen kann, könnte auch noch die Rebsorten Muskateller, Traminer, Sämling, Sauvignon Blanc und den Blauen Zweigelt sehen. Die ganze Landschaft liegt in einem klaren Licht. Noch ist ein kräftiges Grün die bestimmende Farbe, jetzt mischen sich schon Gelb- und Goldtöne unter, und in wenigen Tagen - dort wo die feuchten Herbstnächte die Pigmente endgültig ausbleichen - auch Braun.

Eigenartigerweise sind nirgends Nutztiere zu sehen, auch sonst keine Weinbauern bei der Lese. Bevor das satte Grün in den Schatten tritt, sieht man von links nach rechts einen einfachen Zaun verlaufen, welcher den Kogl- vom Köglweingarten trennt. Auch hier ist keiner von den Arbeitern zu sehen. Dahinter aus dem Schatten sich erhebend, noch hell erleuchtet ein großer Laubbaum – vielleicht eine Linde, vielleicht aber auch eine Buche. Ebenfalls schon halb im Schatten ein kleiner Bauernhof oder ein Ferienhaus; wahrscheinlich ist es doch ein Ferienhaus, es scheint dass hier jemand wohnt, der genügend Zeit zum Aufräumen hat, denn nichts Unbrauchbares liegt rund um das Haus. Auch der Flecken Mischwald dahinter liegt im schmalen Schattenstreifen, der sich wie ein dunkles Band quer über die Landschaft legt, damit für jedermann gut sichtbar wird wo der Kranachberg aufhört und der Jägerberg mit seinen steilen Hanglagen beginnt.

Gerade noch von Bäumen verdeckt das Wohn- und Arbeitshaus der Schilhans. Ein Stück weiter, wo der Bergrücken wieder flacher wird, und ganz leicht an seinen geduckten Holzhäusern mit den drei Pappeln zu erkennen, liegt Erikas Buschenschank, dort wo auch die Promis gerne vom Brettl jausnen: Vielleicht knusprig gebratenes Brüstl mit Senf und Bratlschmalz, oder Bauernsalat mit geräuchertem Putenfleisch. Na dann, „Sehr zum Wohle".

Irgendwo dahinter sollte sich auch das Grubtal befinden, während noch etwas weiter hinten markanter weißer Rauch kerzengerade in den Himmel steigt. Der würfelförmige Industriebau daneben verrät es aber als Zementfabrik Perlmoser in der Retznei. Fast auf einer Linie, nicht allzuweit daneben noch etwas Spätbarockes – die zwei mächtigen Türme der Wallfahrtskirche St. Veit, bevor sich die Landschaft zusammenschiebt und sich die meisten Häuser gar nicht mehr als solche zu erkennen geben, sondern als kleine Farbpunkte einfach nur ein Muster ergeben. Ganz hinten am Horizont die übergebliebenen Reste von Vulkanen, wie dem Stradner Kogel welcher als einer der letzten das Sichtfeld begrenzt, darüber treibt nur mehr ein leichter Wind große Wolken langsam vor sich her.

Am Fuße des Jägerbergs die Ferienhäuser von Peter Skoff.

In manchen Weingärten blühen Rosenstöcke in rot und gelb, etwas seltener auch in rosa an den Enden der Rebzeilen. Meist noch vor dem ersten Spalierpfahl, inzwischen aus Stahl oder Beton, denn längst wurden die hölzernen aus Kastanien-oder Eichenholz abgelöst. Für Weinbauern noch immer ein wichtiger Indikator für Gesundheit, für Touristen oft nicht mehr als ein schönes Detail des örtlichen Blumenschmuckwettbewerbes. Einige der Häuser liegen gerade noch am Ende des Radius, so weit hinten, als würden sie mit ihrer Rückseite schon den Hang berühren, an dem sich die Weinberge nach oben ziehen.

Von hier oben wirken die Autos wie Kinderspielzeug auf der B69, die für einen kurzen Moment unten im Tal auftaucht, bevor sie wieder in einer Kurve aus dem Blickfeld verschwindet. Vor dem Ortszentrum von Gamlitz noch ein Maisfeld in der Ebene, etwas abseits in leichter Hanglage der Friedhof mit dem gegenüberliegenden Sportplatz und so wie es aussieht, findet heute auch kein Spiel mehr statt.

Dann die ersten roten und braunen Ziegeldächer, dazwischen der schwarz gedeckte nicht sehr hohe Kirchturm der Katholischen Pfarrkirche und ein Garten, für neugierge Blicke gut versteckt, denn selbst mit dem Fernglas ist der Pfarrer nirgendwo zu sehen. Weiß und gelb sind die bevorzugten Farben der verputzten Hausfassaden.

Trotz der Entfernung sind auch die kleinen Details noch mit dem freien Auge gut erkennbar, selbt Bäume lassen sich aufgrund ihrer Wuchsform noch namentlich zuordnen. An den Hängen noch unbebaute Flächen, wie die der Weinleiten, schräg darüber noch zwei Handymasten. Wobei die beiden Stangen so nach oben ragen, dass sie eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Amercian Football-Tor nicht verleugnen können.

Links von der Seite nähert sich mir eine Gruppe Wanderer, alle sind mit Sonnenbrille, vor allem die Frauen mit Kappen oder Hüten, niemand geht mehr ohne Stöcke. Und wer selbst schon öfters wandern war, kann an der Bewegung ihrer Rucksäcke erkennen, dass wenig Gewicht in ihrem Inneren; vielleicht Regenkleidung, ein frisches Shirt, ein wenig Wasser! Denn wer in diesen Hügeln wandert, der braucht seine Jause nicht am Rücken tragen.

Unten im Tal? Es ist Mittagsruhe, ein Ort wirkt müde und läßt die seit Tagen in den Mauern gespeicherte Wärme aufsteigen. Der meiste Most ist im Keller, die großen Feste wurden bereits gefeiert und so liegt ein ganzer Ort träge in der Spätmittagssonne. Wirklich ein ganzer Ort? Nein, denn ein Blick durch das Fernglas verrät: Ein kleines schwarzes Parteifahrzeug und sein Fahrer scheinen es eilig zu haben, und so geht es vorbei an den Wirtshäusern, einer rot beleuchteten Tankstelle und den großen Lebensmittelketten Richtung Westen. Am Ende der Ortschaft rechts das große Wasserbecken. Auch hier ist alles im Stillen. Nichts bringt die glatte Wasseroberfläche in Unordnung. Einzig ein paar Lichtreflexe zeugen davon, dass es sich um keinen Acker handelt.

Am Ufer keine fleischfarbenen Punkte, die in der Sonne liegen, kein buntes rundes Etwas, das durch die Luft fliegt und man als Ball deuten könnte. Nein, die Badesaison ist längst beendet, und so könnte man von hier oben den Badesee auch für einen Karpfenteich halten.

Nicht weit dahinter die ersten Gebäude von Ehrenhausen, noch einmal leuchtet hell, in einem gedämpften Weiß die vordere Häuerfront, auf dem seichten Hügel ein Schloss, eine untermauerte Hangstufe für ein Mausoleum, dann verliert sich das deutliche Grün der Landschaft, obwohl die Sicht für weit nach hinten reicht, verblassen die Farben und verlieren an Kraft.

Zuletzt noch Schloss Weinburg als weiße geometrische Kontur inmitten einer blaugrauen Umgebung, bevor auch die letzten Berge endgültig in Luft übergehen.